Weintagebuch
Suspense!
Wenn in einem Thriller die Spannung steigt, obwohl eigentlich nichts Besonders passiert, außer dass kurz einmal Vögel aufflattern oder eine Katze durchs Bild läuft, das nennen wir Suspense: und in etwa so empfinden wir derzeit die Lage in unseren Kamptaler Weingärten.
Diese präsentieren sich dank sorgsamster Pflege derzeit wunderbar. Die Trauben haben nach dem letzten nennenswerten Regen Anfang des Monats einen erstaunlichen Wachstumsschub erhalten, die Laubwände sind noch grün und gesund, die Böden gut gepflegt, aber nun warten wir auf Regen und auch wenn immer wieder einmal plötzlich schwarze Wolken aufziehen, will sich der Himmel nicht entladen.
Derzeit hat die Vegetation noch ca. eine gute Woche Vorsprung, verglichen mit dem Durchschnitt der letzten Jahre. Seit einigen Tagen aber haben die Reben ihr Wachstum auf hold gestellt. So wie wir harren sie aus und versuchen den Status Quo zu halten. Diese Situation ist für uns Winzer wie so oft ein zweischneidiges Schwert: die Verzögerung der Reife kommt uns zugute, ein normaler Lesetermin könnte das Resultat sein, bei kühleren Temperaturen im Herbst ein sehr gutes Ergebnis einzufahren. Mit jedem weiteren trockenen Tag sind allerdings auch Ertragseinbußen zu erwarten.
Die vielen täglichen Aufgaben werden auf diese sehr spezielle Situation abgestimmt: wir gießen die Junganlagen, die sonst wohl keine Chance hätten zu überleben. Wir geizen weiter aus, entfernen überzählige Triebe, deren Versorgung den Pflanzen nur unnötig Kraft kosten würde, stellen jene Traubenzonen frei, die eher der Morgensonne ausgesetzt sind und weniger Sonnenbrand riskierten, lassen an anderen Stellen etwas mehr Laub stehen, um für ausreichende Beschattung zu sorgen. Die Beikräuter um die Rebstöcke werden weiter sorgsam entfernt, um den Trockenstress zu mildern. Wir arbeiten und wir warten, dass diese trockene Phase durch einen Wetterumschwung mit Regen beendet wird.
